“Das letzte Mal sah ich Mali auf einer der Barrikaden. In seinem abgewetzten Morgenmantel umringt von seinen Jungs und umweht von Tränengas-Schwaden wirkte er wie ein General in einem dystopischen Steampunk-Comic. Durch seine große goldumfasste Brille inspizierte er misstrauisch die Szene um sich herum: die aufgetürmten Müllcontainer, die Flaggen, die Hunderten maskierten Demonstranten, die sich mit Sprechchören, Getrommel und Pfiffen in Stimmung brachten für den nächsten Angriff. Ich weiß noch, dass ich beeindruckt war: Diese Bewegung hatte es geschafft, sogar Mali auf die Straße zu bringen. Ich freute mich irgendwie, ihn da zu sehen. Aber ich ging trotzdem nicht hin, um mit ihm zu sprechen.
Das muss im Juni 2013 gewesen sein, auf dem Höhepunkt der Gezi-Proteste in Istanbul – den ersten und zugleich letzten ernstzunehmenden Protesten gegen die Regierung Erdoğans. Zwei Monate später verließ ich die Türkei, um für VICE in Berlin zu arbeiten. Wegen meiner Artikel über den Aufstand hatte man mir dort einen Job angeboten. Ich blieb für etwas mehr als zehn Jahre, bis der Laden dieses Jahr unrühmlich in sich zusammenfiel. Man kann also durchaus behaupten, dass Gezi mein Leben verändert hat. Aber trotzdem war dieser Aufstand nur eins der Phänomene, die meine Zeit in Istanbul geprägt haben. Das andere war Mali.”
Für unser letztes Heft hat
@m_boeselager sich noch einmal auf die Suche nach seinem Mitbewohner vor elf Jahren gemacht. Was Mali zu so einem besonderen Menschen machte, und wie die Suche nach ihm ausgegangen ist, erfahrt ihr im Heft unserer letzten Ausgabe – und über den Link in der Bio.
Du findest das Heft deutschlandweit gratis in allen Filialen von
@vintage.revivals . Die genauen Adressen der Geschäfte und Links zu einzelnen Artikeln online findest du über den Link in der Bio.