Engel sind keine Figuren, sondern Zustände. Sie treten nicht auf, sie stellen sich ein: als Schraffuren im Raum, als Bündel von Linien, die sich kreuzen, lösen, erneut aufnehmen. Was sich links verdichtet, öffnet sich rechts; was verschränkt ist, bleibt offen, ohne sich zu entflechten. Ein Engel kippt gegen die Ordnung, gegengerichtet eingeschoben – ein Dichtezustand der Störung, Drehpunkt innerhalb der Formation. Bewegung entsteht nicht aus Fortschritt, sondern aus Richtungswechseln: zugleich konkav und konvex, ein Kreisen, das aus der Mitte nach vorn tritt und sich dort wieder verliert.
Die Anordnung folgt keinem Reihungsprinzip. Virgeln bilden Paare, Paare bilden Winkel, Winkel potenzieren sich. Zwei nähern sich, zwei lösen sich, wieder zwei verschränken sich, während andere nach vorn treten, ohne nahbar zu werden. Der Chor rückt vor, ohne näher zu kommen; er zieht sich zurück, ohne zu verschwinden. Es entsteht ein Vollkreis, der sich der Perspektive widersetzt: eine Fläche, die Tiefe simuliert, eine Tunde – Rundung –, die nicht trägt, sondern zurückdrängt, spannt sich, wird nicht gesprengt. Der ungeteilt fallende, weder umschärpte noch gegürtete Weltenmantel – schleierzart versponnen, beinahe skizzenhaft angelegt; kaum eine Stelle ist scharf konturiert. Eine Wiedersehensfläche ohne Transzendenz.
Farbe, die fehlt, erscheint als Rispe ohne Knospe, sie perkoliert. Farbe ist kein Ereignis, sondern ein Perkolationszustand. Unterhalb der Schwelle bleibt sie diffus, oberhalb verbindet sie entferntere: Distrikte, Striche. Perspektivisch gestaffelt, zugleich ausgesetzt.
Die Striche sind Stiche; locker bis diffus, unbetont flüchtig. Dichtere Schraffen wechseln mit fahrigem Gestricheltem und Verwischtem; die Richtungen zwischen Unter- und Oberzeichnung, zwischen überlagernden transparenten Strichschichten, wechseln und verweben einander unstet, ohne ausgeprägte Prägnanz über Höhen und Tiefen gezogen. Über die gesamte Bild- und Weltfläche entsteht ein vielfach gebrochenes, glanz- und tonarmes Ganzes. Über dem Weltenmantel liegt eine durchsichtige, lichtverbrämte Gaze, quer über das Himmelszelt gezogen, ein schräger Engel- und Strichregen.
Zeichnung: Paris 2003
4 months ago